Wohnungsbau und Klimaschutz – ein Widerspruch?
Sarah Fuchs
Sozialer, leistbarer Wohnraum ist in der Vergangenheit und auch in der Gegenwart linker Politik ein zentrales Thema. Und das nicht ohne Grund: denn Wohnen ist ein menschliches Grundbedürfnis wie etwa Nahrung oder Wasser.
Ohne ein Dach über dem Kopf ist eine Teilhabe an der Gesellschaft nur schwer möglich. Nicht nur im sozialen Sinn, auch bei der Arbeitssuche, für das Erlangen rechtlicher Ansprüche und selbst für die Eröffnung eines Kontos wird ein Meldezettel benötigt. Neben der sozialen Seite der Wohnungsfrage rücken nun zunehmend auch Umweltthemen in den Fokus. Ein Bericht der UN zum Thema Bau- und Gebäudewirtschaft zeigt, dass dieser Bereich für etwa ein Drittel der globalen CO2 Emissionen verantwortlich ist.¹ Zu den größten Problemen zählen dabei der Ressourcen- und Bodenverbrauch, die energieintensive Herstellung und der Transport der Baumaterialien, sowie der Energieverbrauch in diesem Sektor. Stehen demnach Wohnungsbau und Klimaschutz im Widerspruch zueinander? Diese Frage lässt sich mit einem klaren „Nein“ beantworten, denn ein anderer, nachhaltiger Wohnbau ist möglich!
Klimaschädlicher Beton
Neubauten werden heutzutage zu einem großen Teil aus Zement, Sand und Stahl errichtet – kurz auch bezeichnet als „Stahlbeton“. Das Problem dabei: Zement und Stahl benötigen in der Produktion enorme Mengen an Energie. Die weltweite Zementproduktion bläst beispielsweise etwa vier Mal so viel CO2 in die Luft wie der gesamte globale Flugverkehr!² Neben Zement und Stahl wird auch Sand benötigt, doch geeigneter Sand ist heute ein knapper Rohstoff geworden. Wüstensand ist für die Herstellung von Beton ungeeignet, daher wird der Sand überwiegend aus Flüssen, von Stränden oder Meeresböden bezogen. Folgen davon sind Überschwemmungen, Versalzung von Süßwasser und mancherorts soziale Missstände, die von einer geldgierigen Sandmafia verursacht werden.
Statt Beton könnte man beim Bau von Gebäuden auch andere Materialien nutzen. Dabei lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit, also vor 1850, als der Baustoff Stahlbeton erfunden wurde. Um Häuser zu bauen, wurden vor allem Lehm, Steine, Holz und Ziegel genutzt. Eines haben alle diese Baustoffe gemeinsam: sie haben eine bessere Klimabilanz als Stahlbeton. Das Material Holz hat dabei sogar eine negative CO2-Bilanz, denn Bäume können das Treibhausgas im Holz binden. Häufig gibt es Vorurteile gegenüber nachhaltigen Materialien, zum Beispiel, dass Holz leichter brennt oder man damit keine modernen, höheren Gebäude bauen kann. Diese Vorurteile stimmen aber nicht, denn auch die nachhaltigen Baustoffe haben sich weiterentwickelt und sind heute vereinbar mit moderner Architektur. Erst kürzlich wurde in Wien ein 84 Meter hohes Holzhochhaus namens „Hoho“ errichtet. Bei so hohen Gebäuden muss aus bautechnischen Gründen zwar auf Stahl und Beton zurückgegriffen werden, aber lediglich für einzelne Elemente wie z.B. Stiegenhäuser.
“Der Grund für die Materialwahl liegt bei der kapitalistischen Produktionsweise, bei der die Kosten möglichst niedrig gehalten werden und eher billiger Beton genutzt wird als hochwertige, nachhaltige Materialien.”
Sehr wichtig ist außerdem die Wiederverwertbarkeit der verwendeten Baumaterialien. Denn der Bausektor verursacht fast 2/3 des österreichischen Abfallaufkommens. Rund 16% davon werden verursacht durch Bau und Abbruch von Gebäuden und knapp 60% entfallen auf Aushubmaterialien, sprich die Erde, die beim Bau weggeschafft werden muss. Daher ist es sehr wichtig, sogenannte „kreislauffähige Gebäude“ zu errichten, die am Ende ihrer Lebensdauer recycelt werden können.³
Nun stellt sich die Frage, warum die vorher genannten Materialien und Bauweisen nicht angewandt werden, wenn sie eigentlich besser sind. Der Grund hierfür liegt, wie bei vielen anderen Problemen, beim Geld. Denn nachhaltige Baustoffe sind meist teurer, auch weil beim Bau oft mehr Arbeitskräfte notwendig sind (das betrifft besonders Gebäude aus Lehm). Außerdem werden die Kosten durch Umweltbelastungen bei der Produktion von Stahlbeton nicht von den Bauunternehmen bezahlt, sondern an die Gesellschaft ausgelagert. Der Grund für die Materialwahl liegt bei der kapitalistischen Produktionsweise, bei der die Kosten möglichst niedrig gehalten werden und eher billiger Beton genutzt wird als hochwertige, nachhaltige Materialien.
Gebäude brauchen auch Wärme & Strom
Eine weitere Ursache für Emissionen im Bau- und Gebäudesektor ist der Betrieb von Gebäuden, das heißt der Energieverbrauch zum Beispiel fürs Heizen oder die Verwendung von Strom. Hier wird heute meist angesetzt an der „thermischen Sanierung“ von Gebäuden. Das bedeutet, dass Häuser mit Wärmedämmung verkleidet werden und daher weniger geheizt werden müssen. Das ist an sich eine gute Sache, bei der es jedoch einen Haken gibt: Oft werden dafür synthetische Dämmstoffe verwendet wie zum Beispiel Polystyrol-Schaumdämmstoffe. Dieses Material wird aus fossilen Rohstoffen wie Erdöl, Erdgas und Steinkohle gewonnen und seine Herstellung ist mit aufwändigen und umweltbelastenden chemischen Prozessen verbunden.⁴ Das Polystyrol selbst ist für Mensch und Natur giftig, birgt eine hohe Brandgefahr und muss nach Verwendung im Sondermüll entsorgt werden. Trotzdem werden so gedämmte Häuser oft als besonders umweltfreundlich betitelt, obwohl all diese Materialeigenschaften eigentlich nicht sehr nachhaltig sind.
Dieselbe wärmedämmende Wirkung kann jedoch auch mit alternativen Dämmstoffen erzielt werden, wovon es eine unglaubliche Vielzahl an Möglichkeiten gibt. Gedämmt werden kann zum Beispiel mit Holzfasern, Zellulose, Hanf, Schilf, Stroh, aber auch mit Schafwolle oder Altkleidern. Und das ganz ohne fossile Rohstoffe!
Weg mit der Gasheizung – und dann?
Gerade in den derzeitigen Krisen merken wir, dass die Abhängigkeit von Erdgas und Erdöl und damit von oftmals politisch fragwürdigen Staaten, nicht sehr vorteilhaft für uns ist. Daher wird immer häufiger der Ausstieg aus den fossilen Heizsystemen gefordert. Aber was gibt es für Alternativen?
Bei den alternativen Heizsystemen wird unterschieden zwischen:
- Anlagen, die auf die Wärme der Umgebung oder Sonne zurückgreifen (z.B. Erdwärme oder Solarthermie);
- Anlagen, die Strom zur Wärmeerzeugung nutzen (z.B. Infrarotstrahler) und
- Anlagen, die zwar auch Brennstoffe benötigen, aber kein Erdgas oder -öl (z.B. Pellets-Heizungen oder Biogas-Blockheizkraftwerke).
In Ballungsräumen, also dort wo viele Menschen leben, gibt es oft auch ein Fernwärmenetz. Hierbei wird die Wärme an einem oder mehreren zentralen Standorten produziert und dann direkt an die Haushalte geliefert. Ein Beispiel für eine solche Fernwärme ist die Müllverbrennungsanlage Spittelau in Wien.
Wir sehen, dass es auch hier viele Alternativen gibt. Und aufgrund des „Erneuerbaren-Wärme-Gesetzes“ dürfen ab 2023 vermutlich keine neuen Gas- und Ölheizungen mehr verbaut werden [Stand Juli 2022]. Doch bis die rund eineinhalb Millionen bestehenden Gas- und Ölheizungen in Österreich ausgetauscht werden, wird noch einige Zeit vergehen.⁵ Problem auch hier: wer kein eigenes Haus oder eine Eigentumswohnung besitzt, hat quasi kein Mitspracherecht beim jeweils genutzten Heizsystem. Das entscheidet nämlich die Vermieter*innen und die verzichten oft auf einen Umstieg auf erneuerbare Heizsysteme, da auch sie die anfallenden Kosten bekanntlich geringhalten wollen.
Der neoliberale Traum vom Eigenheim
Viele Menschen träumen von einem Einfamilienhaus mit Garten, am besten am Stadtrand. Sie pendeln dann mit ihrem Familienauto zur Arbeit, das noch mehr Geld kostet und die gute Luft verschmutzt, wegen der man eigentlich aufs Land gezogen ist. Das Ergebnis sind oft Schulden, Stress und Stau. Zudem sind Einfamilienhäuser sehr ineffizient und damit weniger nachhaltig als Mehrfamilienhäuser oder größere Wohngebäude. Einerseits leben Personen in Einfamilienhäusern durchschnittlich auf größerer Fläche als in Wohnungen. Andererseits benötigt ein Einfamilienhaus mehr Energie zum Heizen, da diese Bauform weniger kompakt ist und dadurch mehr Wärme verloren geht. Außerdem führt die Zersiedelung zu einem höheren Aufwand bei der Errichtung und beim Erhalt von Infrastruktur (Straßen, Leitungen, …), sie führt zu einer höheren Bodenversiegelung und zu mehr Verkehr, da die Wege z.B. zur Arbeit oder zum Supermarkt meist länger sind. In der Stadt macht es ohnehin Sinn, in größeren Gebäuden zu wohnen – am Land bieten sich mehrgeschossige Reihen- und Mehrfamilienhäuser an oder andere Formen verdichteten Wohnens.
“Viele Menschen träumen von einem Einfamilienhaus mit Garten, am besten am Stadtrand. Sie pendeln dann mit ihrem Familienauto zur Arbeit, das noch mehr Geld kostet und die gute Luft verschmutzt, wegen der man eigentlich aufs Land gezogen ist. Das Ergebnis sind oft Schulden, Stress und Stau. ”
Die Wohnungsfrage ist auch eine Verteilungsfrage!
Das ökologischste, nachhaltigste und am meisten Ressourcen einsparende Gebäude ist ein Gebäude, das gar nicht erst gebaut wird, für das kein Boden versiegelt und das auch nicht betrieben werden muss. Denn genügend nachhaltigen und leistbaren Wohnraum zu schaffen, das bedeutet nicht nur neu zu bauen, sondern auch den bestehenden Wohnraum umzuverteilen und den Leerstand zu nutzen. In Österreich stehen tausende Wohnungen und Häuser leer, weil sie nur zur Kapitalanlage dienen oder als Zweit- und Drittwohnsitze genutzt werden. Eine Leerstandsabgabe würde dabei helfen, Spekulation unattraktiv zu machen, den Wohnraum wieder verfügbar zu machen und sogar die Mieten zu senken.
Wohnraum umzuverteilen, das bedeutet auch die verfügbare Wohnfläche pro Person zu hinterfragen. Generell gibt es seit den 1970er Jahren einen kontinuierlichen Trend zu immer höherer Wohnfläche pro Person. In diesem Zeitraum hat sich die m²-Zahl pro Person sogar verdoppelt! Gleichzeitig gibt es aber auch enorme Unterschiede zwischen den Haushalten: während die einen auf hunderten m² leben, stehen anderen Personen nur etwa 15m² Wohnfläche zur Verfügung.⁶ Es ist genügend Wohnraum für alle da, er muss nur gerechter verteilt werden!
Fazit
Nachhaltiger Wohnbau ist möglich! Dafür gibt es genügend umweltfreundliche Materialien, es gibt CO2-neutrale Heizsysteme und Möglichkeiten, den Bestand besser zu nutzen. Wichtig ist dabei, Themen der Nachhaltigkeit im Wohnbau mit den sozialen Aspekten der Wohnungsfrage zu verknüpfen, damit sich nicht nur reiche Personen ein Öko-Haus leisten können und der Wohnraum, der bereits da ist, gerechter verteilt wird. Denn Klimaschutz, das ist vor allem auch eine soziale Frage!
Quellen:
¹ United Nations Environment Programme, Global Status Report for Buildings and Construction, 2020
² https://www.derstandard.at/story/2000102411187/boeser-beton-warum-zement-der-geheime-klimakiller-ist
³ https://www.umweltbundesamt.at/news210512
⁴ https://wissenwiki.de/Polystyrol
⁶ https://awblog.at/215-500-kinder-in-beengten-wohnungsverhaeltnissen/